Corona-Mauer

Samstag, 21.03.2020

Installation in St. Bartholomäus

Wir handeln auf Sicht. Denn das Ende der Krise, die durch das Corona-Virus ausgelöst ist, ist noch nicht abzusehen. Sie hat vielen Vorhaben einen Riegel vorgeschoben. Manchem, der in seinen vier Wänden sitzt, mag es wie eine Mauer erscheinen, die sich plötzlich vor ihm auftut.

In der Bartholomäuskirche steht nun eine solche Mauer. Zumindest soll diese vorläufige, sich noch wandelnde Installation daran erinnern. Jene, die die neue Kirche durch den Haupteingang betreten, mögen sich auch wundern. Und dann hat sich die Installation schon bewährt: in der Veränderung der Blickweise.

Am vierten Sonntag der Fastenzeit wird ein Heilungswunder erzählt. Im Johannesevangelium (Joh 9,1-14) erzählt der Evangelist lang und breit, wie ein Blindgeborener das Augenlicht erhält. "Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen." (Joh 9,7) Dieses Evangelium könnte uns in diesen Tagen sagen: "Halten doch auch wir neu Ausschau. Lernen wir erkennen und sehen."

Der heilige Benedikt von Nursia schreibt im Vorwort zu seiner Regel: "Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht? Wenn du das hörst und antwortest: "Ich", dann sagt Gott zu dir: Willst du das wahre und ewige Leben haben, so bewahre deine Zunge vor dem Bösen und deine Lippen vor falscher Rede! Meide das Böse und tu das Gute, suche den Frieden und jage ihm nach! Wenn ihr das tut, dann richte ich meine Augen auf euch und höre eure Gebete, und noch ehe ihr mich anruft, sage ich zu euch: Hier bin ich." Vielleicht erinnern sich noch viel an den Katholikentag in Münster, der vom 9. bis 12. Mai 2018 unter dem Motto "Suche Frieden" stattgefunden hat. Die Bilder von frohen Menschen, die aus dem ganzen Land zu uns kamen, stehen uns noch vor Augen. Auch solche Erinnerungen an ein gelungenes Miteinander tun gut in dieser Zeit, um die Mauern des social distancing, die wir um uns errichten mussten, als nicht allzu befremdlich zu empfinden. Und weil die Zuflucht, in der wir nun Schutz suchen, doch manchmal schwer fällt, sei hier zum Abschluss noch ein Gedicht von Reiner Kunze niedergeschrieben:

ZUFLUCHT NOCH HINTER DER ZUFLUCHT

Hier tritt ungebeten nur der wind durchs tor

Hier
ruft nur gott an

Unzählige leitungen lässt er legen
vom himmel zur erde

Vom dach des leeren kuhstalls
aufs dach des leerren schafstalls
schrillt aus hölzerner rinne
der regenstrahl

Was machst du, fragt gott

Herr, sag ich, es
regnet, was
soll man tun

Und seine antwort wächst
grün durch alle fenster

Sonntag, 22.03.2020

"Wach auf, Schläfer, und steh auf von den Toten und Christus wird dein Licht sein." Dieses Lichtmotiv findet heute einen Anklang in der Kerze und den Rosen, die vor der Mauer aufgestellt sind. Kerze und Rosen stehen hier nicht nur für eine abstrakte Hoffnung sondern für die vielen Menschen, die anderen Mut machen, hilfreich zur Hand gehen oder einfach nur da sind. Rosen für Krankenschwestern und Pfleger, Ärzte und Sanitäter, für die Verantwortlichen im Krisenstab und die Freiwilligen in der Telefonseelsorge, ...

Gestern haben viele Menschen diesen Helfern applaudiert. Um 21 Uhr war der Applaus von manchen Balkonen und aus geöffneten Fenstern heraus zu hören, vielleicht nicht hier in unseren Dörfern aber in Köln, Mühlheim, Essen. Ich finde, es ist eines der schönen Zeichen, um seinem Dank Ausdruck zu verleihen. Danksagung ist das deutsche Wort für den griechischen Begriff "Eucharistie". Auch wenn wir nun in den Kirchen die sonntägliche Eucharistie, sprich die Messe, nicht feiern können, so können wir doch all diejenigen, die uns Halt geben, im Dankgebet vor Gott bringen.

"Wach auf, Schläfer, und steh auf von den Toten und Christus wird dein Licht sein."

Dienstag, 24.03.2020

Corona-Mauer: eine Ikone ganz eigener Art

 

Icons sind Symbole, Grafiken, zu Bildern verdichtete Kleinstzeichen. Sie stehen auf -Tastaturen und als Bedienungselemente auf vielen Geräten. Unter diesen Zeichen ist das für die Powertaste wohl am bekanntesten. Power, sprich Energie, ist in diesen Tage besonders gefragt. Die Leitlinien zur Beschränkung sozialer Kontakte sprechen da mit voller Power in unseren Alltag hinein.

 

Manchem kostet es jetzt viel Anstrengung, die Drosselung des gewohnten Tempos zu verkraften. Da sitzt vielleicht Einer so lange zu Hause herum, bis ihm sprichwörtlich die Decke auf den Kopf fällt. Ein Anderer dagegen ist gezwungen Kurzarbeit anzumelden. Mitunter führt auch das Miteinander in der häuslichen Gemeinschaft ungewöhnlich stark heraus.

 

Was also gibt mir in dieser Situation die nötige Energie, um sowohl gelassen als auch engagiert dabei zu sein? Eine ökumenische Initiative unter dem Titel "icon" möchte hierauf eine Antwort geben. Sie lenkt dabei den Blick auf den Kreuzweg Jesu. So sie sich auch: Ökumenischer Kreuzweg der Jugend. Seit 1972 ökumenisch, vereint sie bis heute Jahr für Jahr Tausende junger Menschen am Freitag vor Palmsonntag. Sie gehört mit jährlich über 60.000 Teilnehmenden zu den größten ökumenischen Jugendaktionen. Auch in den Niederlanden, Österreich und den deutschsprachigen Teilen von Luxemburg, Belgien und der Schweiz beten ihn junge Christinnen und Christen. In seiner Geschichte entwickelte sich der Jugendkreuzweg zu DER Gebetsbrücke über "die Mauer" hinweg.

 

Die Mauer zwischen Ost und West ist überwunden. Eine neue Mauer zum Schutz vor dem Corona-Virus tut sich vor uns auf.

 

Wer oder was gibt mir nun Kraft? Über diese Frage nachzudenken, möchten wir mit dem icon für Power einladen. Und wir bitten um Kraft für die Genervten, Leidenschaft für die Beschäftigten in den Krankenhäusern, Trost für die Geängstigten und Trauernden, guten Mut für die Erkrankten, ein weises Herz für die Politiker, solidarisches Mitgehen für alle.

 

Karten mit Abbildungen des ICON stecken nun in der Mauer. Sie können von jugendlichen Passanten, die - einzeln und unter Einhaltung des Mindestabstandes (2 Meter) - auf einem Spaziergang zufällig in der Kirche vorbeikommen, mitgenommen werden. (Wichtig: Bitte beachte unbedingt, dass Zusammenkünfte und Ansammlungen von mehr als zwei Personen in der Öffentlichkeit untersagt sind. Es gilt auch hier das weitreichende Kontaktverbot für NRW, dem diese Aktion nicht zuwiderlaufen möchte.)

 

Also pro Person, eine Karte - versteht sich! Vielleicht wirft die Karte, auf denen je 10 Sticker in den Farben gold/schwarz und schwarz/gold zu sehen sind, eine Frage auf: Wer oder was gibt mir Kraft? Im Buch des Propheten Jesaja beantwortet Jemand, der aus Not gerettet wurde, diese Frage mit den Worten: "Siehe, Gott ist mein Heil; ich vertraue und schrecke nicht. Denn meine Stärke und mein Lied ist Gott, der Herr. Er wurde mir zum Heil." (Jes 12,2) Die Gemeinschaft von Taizé hat einen schönen Liedvers (Gotteslob 365, siehe auch: https://youtu.be/8Q0kNzUHMQ4) dazu komponiert. Sehen, Hören und Mitsingen lohnen sich.

Samstag, 04.04.2020

Zum Palmsonntag

hat die "Corona-Mauer" eine weitere Veränderung erfahren. Jetzt liegen in den Mauernischen und in Körben kleine Sträuße aus Buchsbaum zum Mitnehmen bereit. Aber nicht nur um zu nehmen sondern auch um zu geben, steht neben dem Kreuz ein Korb. Dort hinein können Zettel gelegt werden, auf denen ein Gebetsanliegen steht. Für wen oder um was beten und bitten wir in diesen Tagen?

Auch wenn wir uns in diesen Tagen der Kar- und Osterwoche nicht in der Kirche versammeln können, trägt uns doch das gemeinsame Gebet: zum Glockengeläut um 19.30 Uhr, nach einem Telefonat, in einem stillen Moment.